die_jugendforscherin: beate großeggers blog – 12.12.2023

Ziemlich beste Freunde

Dass Freund*innen für Jugendliche große Bedeutung haben, ist keine Neuigkeit. Neben Freizeit und Familie zählt die Freundschaft zu Gleichaltrigen zu den drei für junge Menschen subjektiv wichtigsten Lebensbereichen. Das ist seit langem bekannt. Und doch hat sich in jüngster Vergangenheit so manches verändert. Die letzten für uns alle nicht einfachen Jahre haben dazu geführt, dass junge Menschen über die Bedeutung, die wirklich gute Freund*innen für sie haben, stärker nachdenken. Verlässliche Freundschaften sind im Wertekosmos der Jugend an vorderste Stelle gerückt. Warum dem so ist, liegt auf der Hand: Beste Freund*innen wirken als psycho-emotionaler Puffer in stürmischen Zeiten.

Freund*innen als Freizeitpartner*innen und Stabilitätsanker

Eine gute soziale Einbettung in die Gesellschaft der Altersgleichen ist, wie die Forschung zeigt, insbesondere im Teenageralter enorm wichtig. In der Peergroup üben Heranwachsende, soziale Spielregeln anzuerkennen und sich in sozialen Zusammenhängen außerhalb der Familie richtig zu bewegen. Die Clique dient als „Proberaum“, um gemeinsame Werte und Normen auszuverhandeln, aber auch, um Konflikte gemeinsam bewältigen zu lernen, gemeinsame jugendkulturelle Praxen zu entwickeln und Orientierung im Umgang mit den Herausforderungen des täglichen Lebens sowie den Herausforderungen unserer Zeit zu finden.

Freund*innen sind für Jugendliche demnach nicht nur wichtige Freizeitpartner*innen, sie sind gewissermaßen auch Teil einer aufgrund gemeinsamer generationenprägender Erfahrungen formierten Schicksalsgemeinschaft. Und: Sie sind Vertrauenspersonen, und zwar Vertrauenspersonen, die „signifikanten Anderen“ aus der Erwachsenenwelt einiges voraushaben. Beste Freund*innen verfügen über etwas, was erwachsenen Bezugspersonen fehlt: lebensweltliches Wissen und die in der Gesellschaft der Altersgleichen geteilten Erfahrungen.

Beste Freund*innen wissen, was es heißt oder, vielleicht besser, wie es sich anfühlt, in gesellschaftlich dynamischen Zeiten aufzuwachsen, in allen möglichen Lebensbereichen ständig mit Zukunftsunsicherheit konfrontiert zu sein und nichtsdestotrotz Zukunftsplanung wie auch persönliche Zukunftshoffnungen im Blickfeld zu behalten. Im Klartext: Beste Freund*innen punkten mit „inside point of view“.

Was gute Freund*innen niemals tun sollten

Jugendliche unterscheiden sehr klar zwischen ihren Bekannten, mit denen sie in der Freizeit immer wieder mal gerne etwas gemeinsam unternehmen, ihrem Freundeskreis bzw. „der Clique“ und ihren besten Freund*innen. Lediglich zu letzteren besteht eine wirklich enge und intensive Vertrauens- und Solidarbeziehung.

In unserer Studie „Generation Nice“ haben wir im Rahmen einer qualitativen Exploration nachgefragt, was passieren müsste, dass Jugendliche von ihren besten Freund*innen komplett enttäuscht wären. Die Antworten, die wir bekommen haben, lassen wenig offen: „Komplett enttäuscht wäre ich, wenn sie mich anlügen oder hintergehen würden“, „wenn sie nicht ehrlich zu mir wären und hinter meinem Rücken schlecht reden würden“, „wenn sie mich im Stich lassen würden“, „wenn sie mich verraten würden“,  „wenn sie mir etwas stehlen und mich betrügen würden“ oder „wenn sie mich erniedrigen und arrogant zu mir wären.“ Thematisiert wird hier also ein tiefgehender Vertrauensbruch, der von ehemals „besten Freund*innen“ ganz bewusst begangen wird und nicht selten in ein Kippen der von wechselseitigem Füreinander-da-Sein getragenen Beziehung in eine toxische Beziehung mündet. Wobei eines klar ist: Ein derartiger Vertrauensbruch wiegt für Jugendliche umso schwerer, je herausfordernder sie die aktuelle persönliche Lebenssituation erleben.

Jugendliche zeigen unterschiedliche Kontaktstile

DIE Jugend gibt es nicht, so pflegen wir in der Jugendforschung zu sagen. Wir versuchen damit zum Ausdruck zu bringen, dass junge Menschen nicht ein in sich homogenes Gebilde sind, sondern auf die Welt, in der sie aufwachsen, zum Teil sehr unterschiedlich reagieren. Dies zeigt sich in vielem – auch bei Freundschaften.

Was zwar für alle gleichermaßen gilt, ist, dass Gleichaltrigenkontakte für die Selbstkonzeptbildung große Bedeutung haben. Wie Jugendliche die Gesellschaft der Altersgleichen in ihre Selbstkonzepte einbinden, variiert hingegen, wobei hier, wie Forschungsergebnisse nahelegen, Persönlichkeitsfaktoren und, damit verbunden, eine von Jugendlichen bewusst betriebene Prioritätensetzung eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen.

Bemerkenswerterweise denken Jugendliche über den eigenen Gleichaltrigenkontaktstil in Bezug auf persönliche Stimmigkeit und Effekte für den persönlichen Alltag nach. Gleichaltrigenkontakte werden von ihnen dabei auf einer imaginären Skala zwischen zwei Polen eingeordnet und bewertet:

  • Am einen Pol steht hoch vernetzt, aber ohne Einbindung in Solidar- und Vertrauensbeziehungen und daher anfällig für Gefühle der (Selbst-)Entfremdung – ein Extrem, das man von sich fernzuhalten versucht.
  • Danach folgen sozial eingebunden, betont sozial außenorientiert und, wie es vor allem für die Gruppe der Extrovertierten typisch ist, zugleich auch stark „outgoing“,
  • gut eingebunden, jedoch auf einen engen Kreis „signifikanter Anderer“ fokussiert sowie
  • in Sachen Sozialkontakte ganz bewusst weniger aktiv, um das für sich Sein (im Sinne von positiv konnotiertem Alleinsein) zu genießen und Spielräume für individuelle Aktivitäten zu gewinnen, was typisch für Jugendliche ist, die sich selbst als eher introvertiert verstehen und/oder als autotelische Persönlichkeiten beschreiben.
  • Am anderen Ende der Skala findet sich schließlich das Extrem des sozialen Entkoppeltseins, verbunden mit zermürbenden Einsamkeitsgefühlen.

Die beruhigende Nachricht: Die überwiegende Mehrheit sieht sich selbst fernab der Extrempole, also weder hypervernetzt und entfremdet noch sozial entkoppelt und einsam. Der Anteil derer, die sich als extrovertiert und durchaus sehr gut vernetzt beschreiben, sowie derer, die sich eher introvertiert sehen, hält sich die Waage und er blieb übrigens auch während der Pandemie weitgehend stabil. Eine kleine Verschiebung zeigte sich dennoch: Der Trend verschob sich in Richtung gut sozial eingebunden, aber im Beziehungsverhalten bewusst auf einen engeren Kreis wirklich wichtiger Menschen konzentriert (beste Freund*innen und die Familie).

Viele oberflächliche Netzwerkkontakte zu haben, gilt nicht mehr als cool

Mehrere hundert „Facebook-Freunde“ zu haben, gilt heute nicht mehr als cool. Und zwar nicht nur deshalb, weil TikTok, Instagram und Co. Facebook schon lange überholt haben, sprich: weil Facebook bei Jugendlichen keine große Relevanz mehr hat, sondern auch, weil echte, gute Freundschaften für Jugendliche deutlich wichtiger wurden.

Jugendliche sind auf Social Media heute insgesamt weniger aktiv als sie es bereits einmal waren. Exzessives Networking war gestern, heute liegt Zuschauen im Trend. Die Hypervernetzung und die damit verbundenen Herausforderungen (Zeit- und Energieaufwand, permanente Selbstinszenierung statt einem echten, authentischen Leben und über kurz oder lang die Gefahr der Selbstentfremdung) überlässt man gerne den Influencern und selbsternannten Content Creators. „Ich bin schon auf Social Media und eigentlich auch viel, aber ich nutze das eher passiv“, so argumentieren viele. Und sie sehen ihre Social Media-Praxen zunehmend auch selbstkritisch: „Zu viel Social Media macht unglücklich – nicht immer, aber sehr oft schon.“

Auf Social Media regiert die Inszenierung des „perfekten Lebens“. Ob man es will oder nicht, man vergleicht sich bzw. sein eigenes, nicht-perfektes Leben allzu oft mit diesen Inszenierungen und fühlt sich dabei schlecht. Social Media-Kids wissen darüber viel zu erzählen. Doch auch wenn sie sich dessen bewusst sind, dass das perfekte Leben, das ihnen auf Social Media begegnet, inszeniert ist und die Maßstäbe, die hier vorgegeben scheinen, einem Authentizitätscheck im realen Alltag nicht standhalten: ihr Gefühlsleben orientiert sich nicht an den Fakten, sondern macht sie sehr oft zu Opfern des sozialen Vergleichs. Eine irritierende Erfahrung, die junge Menschen einmal mehr darin bestärkt, im persönlichen Alltag die Prioritäten neu zu setzen.

In der jugendlichen Gesellschaft der Altersgleichen ist in Sachen Beziehungskulturen demnach derzeit vieles in Bewegung. Wir bleiben an diesem für junge Menschen wichtigen Thema jedenfalls dran.

Dr. Beate Großegger – Institut für Jugendkulturforschung

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