Phänomenologie des Unbehagens
Über Ambiguitätstoleranz, Heimatbindung und die Konflikte multikultureller Gesellschaften
Von Prof. Bernhard Heinzlmaier
Integrationsdebatten konzentrieren sich meist auf Sprache, Bildung und Arbeitsmarkt. Weit weniger Beachtung finden die kulturellen, psychologischen und emotionalen Dimensionen von Zugehörigkeit, Identität und Heimatbindung. Gerade sie entscheiden jedoch oft darüber, ob Integration gelingt oder an unsichtbaren Widerständen scheitert.
Ambiguitätstoleranz als Grundlage des Zusammenlebens in diversen Gesellschaften
Asyl und Migration sind gegenwärtig die politischen Themen, die in Europa wohl am kontroversiellsten diskutiert werden. Glauben die einen, dass Integration überhaupt eine Illusion ist und die Differenzen vor allem zwischen muslimischen und europäischen Kulturen zu groß sind, um überbrückt werden zu können, sind andere der Überzeugung, dass Integrationskurse und ein zügiger Spracherwerb ausreichen, damit Geflüchtete und Zugewanderte sich mittelfristig in ihrer neuen kulturellen Umgebung heimisch fühlen.
Generell wird auch die Dauer des Integrationsverlaufes unterschätzt. Werthaltungen, Einstellungen und kulturelle Konventionen sind offenbar tiefer in die Menschen eingesenkt und in ihnen fester verankert, als das viele glauben möchten. So sind vor allem religiöse Überzeugungen und kulturelle Muster keineswegs Oberflächenphänomene, die leicht und rasch abgetragen werden und durch neue Denkweisen und Leitvorstellungen ersetzt werden können.
Und auch wenn Integration weniger radikal gedacht wird und man sich lediglich das Ziel setzt, dass unterschiedliche kulturelle Muster am Ende des Integrationsprozesses im diversen Idealtypus gleichberechtigt nebeneinanderstehen und je nach sozialer Anforderung die eine oder die andere kulturelle Rolle spielerisch in den Vordergrund gestellt wird, muss man am Ende häufig zur Kenntnis nehmen, dass der liberale „Polytheismus der Werte“ (Odo Marquard) den Werte-Monotheismus einer kulturell homogenen Herkunftsgesellschaft nicht so leicht zur Seite drängen kann.
Ambiguitätstoleranz (Kant), das heißt die Fähigkeit, sich selbst für moralisch gerechtfertigt und einzigartig haltende Weltanschauungen miteinander versöhnen zu können oder sie gar zum Gegenstand eines sozialen Rollenspiels zu machen, ihnen also einen Teil ihrer Gravität zu nehmen, ist offensichtlich für viele Menschen undenkbar. Die alten alleinherrschenden Götter, die in den Menschen wohnen, lassen sich nicht so leicht zur Seite schieben und sind auch nicht kompromissbereit, wenn man sie dazu einlädt, ihre Macht gleichberechtigt mit anderen Göttern, seien diese nun transzendenter oder immanenter Natur, zu teilen.
Identitäten und ästhetische Differenzen im Unbewussten verwurzelt
Im anstrengenden und spannungsreichen Integrationsprozess treffen nachhaltig verfestigte Identitäten aufeinander, die nicht alleine durch eine Vernunftsentscheidung modifiziert werden können. Identitäten haben ihre Wurzeln oft tief im Unbewussten, wo man sie bekanntlich durch das logische Argument oder durch auf dem rationalen Weg erlangte Einsichten nicht erreichen kann.
Ob der Anblick eines Straßenzuges als richtig oder falsch, als passend oder unpassend wahrgenommen wird, hängt nicht von neu übernommenen liberalen Gesellschaftsvorstellungen ab, die einem gerade im Wertekurs vermittelt wurden, sondern ist in der Regel von, vom Anbeginn der Wahrnehmungsfähigkeit eingeprägten, Umgebungsbildern abhängig, die sich den Menschen durch dauerhafte Iteration ein- und aufgeprägt haben.
Der Mensch ist ein Augendenker, sagt man, durch ästhetische Routinen geformt und geprägt. Dadurch ist Heimatbindung keine rationale Entscheidung, wie überhaupt jede Bindung, sondern ein durch ästhetische, bildliche Eindrücke aufgeprägtes Gefühl.
Die oft starken Heimatbindungen können nicht durch vernünftiges Argumentieren in ihrer Verbindlichkeit geschwächt und folglich mit anderen Heimatbindungen vermittelbar gemacht werden. Die Lust auf ein Leben in der kulturellen Ambivalenz ist nur im Zuge eines langwierigen Prozesses zu erwecken, und der Weg dorthin führt durch ein Fegefeuer aus Verlustängsten, Trennungsschmerzen, Bedrohungsgefühlen und Enteignungsphobien.
Integration als spannungsreicher und herausfordernder Prozess
Kulturelle Bindungen sind nicht das Ergebnis analytischer Urteile. Sie fußen auf emotionalen Erlebnissen und Erfahrungen. Wo Gefühle und gläubige Anhänglichkeiten im Spiel sind, drohen immer emotionale Auseinandersetzungen.
In der Multikulturalität, in der kulturelle Muster diversifiziert sind und Inkommensurables in ein tolerantes Miteinander eingebunden werden muss, herrscht ständige Unruhe und Spannung. Multikulturelle Gesellschaften sind keine Idyllen, wie wir sie aus der bukolischen Dichtung kennen.
Um sie im Gleichgewicht zu halten, braucht es hohen kommunikativen, ordnungspolitischen und budgetären Aufwand. Die ökonomische und kulturelle Produktivkraft einer multikulturellen Gesellschaft kann außerordentlich hoch sein, wie man anhand des amerikanischen Beispiels sehen kann, sie ist aber gleichzeitig immer von Konflikten geprägt.
Vieles schwelt in einer solchen Gesellschaft knapp unter dem harmonischen Schein einer unverdächtig wirkenden Oberfläche, doch diese kann augenblicklich aufbrechen und wutentbrannte Auseinandersetzungen freilegen, wie wir sie immer wieder aus den Städten Großbritanniens oder Frankreichs per Medien zugespielt bekommen.
Konflikte zwischen Löwen und Füchsen
Diese Konflikte werden gleichermaßen von der aufnehmenden Gesellschaft und den zugewanderten Communities mit Energie versorgt. Während die „Eingesessenen“ ihr kulturelles Erbe und ihre Privilegien bedroht sehen, empfinden sich die Zugewanderten nicht genügend wertgeschätzt, rassistisch diskriminiert und im Bildungswesen und in der Arbeitswelt benachteiligt.
Versucht man die explosive Konstellation mit den Sprachbildern des italienischen Soziologen Vilfredo Pareto zu beschreiben, so stehen die saturierten Löwen der Aufnahmegesellschaft, die ihre Privilegien verteidigen, den wendigen (jungen) Füchsen der Migrationsmilieus gegenüber, die ihnen diese streitig machen.
Paretos Theorie ist eine Zyklen-Theorie. Sie beruht auf der Annahme, dass es in der Geschichte einen stetigen Elitenaustausch gibt, bei dem alte Eliten (Löwen) von neuen (Füchsen) abgelöst werden.
Und genauso erscheinen sich die beiden Streitparteien gegenseitig. Die Füchse sehen in den Europäern Alteliten, von denen ihre Herkunftsregionen früher ausgebeutet wurden und die sich jetzt in ihrer Festung Europa einzumauern versuchen, während viele Löwen in den Flüchtlingen und Migranten Invasoren sehen, die sie zu überwältigen und zu enteignen suchen.
Diese Konstellation kann keine Grundlage für einen „ewigen Frieden“ in einer toleranten und demokratischen Gesellschaft sein.
Schlussbemerkung
Wer die gegenwärtigen Integrationskonflikte verstehen möchte, sollte nicht nur auf Sprachkenntnisse, Arbeitsmarktintegration oder rechtliche Rahmenbedingungen blicken. Mindestens ebenso bedeutsam sind kulturelle Prägungen, emotionale Bindungen und tief verankerte Identitäten.
Die hier skizzierten Überlegungen verstehen sich als Beitrag zu einer „Phänomenologie des Unbehagens“, die sichtbar machen soll, warum Integrationsprozesse häufig spannungsreicher verlaufen, als politische Programme und gesellschaftliche Erwartungen vermuten lassen.

