Die große Weigerung war gestern

In gesellschaftlichen Debatten tritt die Jugend heute nur noch selten als „Heldin der Veränderung” in Erscheinung. Warum ist das so?

Der Generationenkonservatismus des politischen Establishments schlägt junge „Neu-DenkerInnen” in die Flucht, so Dr. Beate Großegger − lesen Sie mehr im aktuellen generationlab-Expert-Flash.

 


 

Um den Generationenkonflikt ist es ruhig geworden. Um die Jugend als Kraft der politischen Erneuerung ebenso.

Anstatt Widersprüche des gesellschaftlichen und sozialen Status-quo als Reibungsfläche zu sehen und sie zu nutzen, um neue Ideen auf den Weg zu bringen, konzentriert sich die breite Mehrheit der Jugendlichen darauf, Strategien zu finden, um diese Widersprüche aus dem persönlichen Alltag möglichst effektiv auszublenden. Ihre Erwartungen an die Politik sind hoch, ihr Vertrauen in die politischen EntscheidungsträgerInnen aber eher gering – lediglich 19% haben sehr oder zumindest eher viel Vertrauen in die Politik.

Die breite Mehrheit wünscht sich Lösungen für die großen Fragen unserer Zeit, jede/r Dritte fürchtet, dass die heute Jungen den Lebensstandard, den die Elterngeneration erreichte, nicht werden halten können. Viele haben das Gefühl „There is something wrong and it goes on and on and on …” und rufen nach Veränderung. Selbst bleiben sie jedoch stumm. Fragt man – so wie wir im Rahmen unserer generationlab-Fokusgruppen – 15- bis 19-jährige, warum das so ist, kommt als Antwort: „Politische Themen sind eben schwierig: Als Jugendlicher wird man nicht ernst genommen und auch schnell als naiv dargestellt.“ Und wer sich nicht richtig ernst genommen fühlt, involviert sich meist lieber nicht allzu sehr, sondern geht auf Distanz.

Das ist aber nicht der einzige Grund, warum junge Menschen heute so selten als Kraft der Erneuerung die gesellschaftliche Bühne bespielen. Auch die von Seiten der Jugendforschung empirisch klar belegte Verunsicherung spielt eine Rolle. Neue gesellschaftliche Herausforderungen stellen für die heutige Jugend generationenprägende Erfahrungen dar. Und die in unserer Mediendemokratie rege geführten Krisendebatten – von neuen wirtschaftlichen Krisenszenarien, über die Krise der politischen Institutionen, die Debatte um eine (drohende) Krise des Wohlfahrtsstaates bis hin zur aktuellen Flüchtlingskrise – wirken auf das Lebensgefühl dieser Generation zurück und machen die Millennials zu „Kindern der Krise“. Das Bemerkenswerte dabei: Diese reagieren nicht etwa mit Gestaltungswillen oder Protest. Sie suchen nicht nach neuen Wegen. Und sie experimentieren auch nicht mit Selbstkonzepten, die in Abgrenzung zu den Werten und Lebensphilosophien des Etablierten entstehen.

Statt der „großen Weigerung“ zählt für die Mehrheit der jungen Menschen: „Mitmachen, so gut es eben geht.“ Sie reiben sich nicht (mehr) an den Altvorderen, sondern blenden das Establishment und damit letztlich auch diejenigen, die es etablierten, aus ihrem persönlichen Leben, soweit möglich, aus. Die Generation der Millennials will auch nicht mehr unbedingt schräger oder progressiver als die Elterngeneration sein. Sie zieht sich alltagsästhetisch wie auch gesellschaftspolitisch in ihre Millennial-Generationenblase zurück. Die Elterngeneration spielt als Referenzpunkt für die Auseinandersetzung mit der Frage „Wer bin ich und wer will bzw. wer könnte ich sein?“ keine große Rolle. Im Klartext heißt das: Die Eltern (und mit ihnen die Generation, die sie repräsentieren) sind für diese Jugendlichen weder Vorbild noch Feindbild.

Nur eine Minderheit tritt politisch engagiert und protestbereit in Erscheinung. Diejenigen, die ab und an laut werden, um ihre eigenen Vorstellungen von Politik und Gesellschaft in die politische Praxis einzubringen, machen dabei allerdings nicht selten die Erfahrung, dass ein von Generationenkonservativismus geprägtes Establishment dies nicht gerne hört. Öffentlich werden sie kaum wahrgenommen und – wie die politikdistanzierte Jugend – wohl oft auch nicht richtig ernst genommen. Kein Wunder, wenn der eine oder die andere Konsequenzen zieht und sich in Gegenentwurfsonderwelten abzuschotten beginnt, anstatt mit lauter Stimme junge, neue und gelegentlich auch quergeistige Forderungen in die politische Debatte einzubringen. Aufmüpfig und zugleich resignativ heißt es da dann: „Macht doch, was ihr wollt, wir machen unser eigenes Ding.“ Politische DenkerInnen aus der Generation der Altvorderen sehen diesen Rückzug häufig kritisch. Aber kann man den Jungen das wirklich zum Vorwurf machen? Sind wir doch ehrlich: Junge QuerdenkerInnen machen sich schnell unbeliebt. Angepasste Jugendliche, denen nichts daran liegt, ein Stachel im System zu sein, tun sich in vielem leichter. Auch deshalb überwiegt heute ein erfolgsorientierter Ego-Individualismus das visionäre gesellschaftliche Denken.

Wer sich dies vor Augen führt, wird nicht umhin können, die populäre Politikdistanz-Debatte, die das Problem gerne einseitig auf Seiten der Jugendlichen verortet, zur überdenken und – durchaus mit selbstkritischem Blick auf die eigene Generation – so manches zu hinterfragen, zum Beispiel: Wollen wir junge Menschen tatsächlich zum Mitgestalten einladen oder versteckt sich hinter den zahlreichen jugendpartizipationsfreundlichen Verbalbekundungen einfach nur sehr viel PR? Gibt die Gesellschaft der Kritik Jugendlicher wie auch ihren Gestaltungsansprüchen heute wirklich ausreichend Raum? Sieht sie sie im zivilgesellschaftlichen Gestaltungsprozess als gleichwertige PartnerInnen der etablierten Älteren und gesteht sie ihnen – wie es über Jahrzehnte hinweg, sogar in Zeiten, in denen der Generationenkonflikt heftig tobte, ungeschriebenes Gesetz war – Quergeist zu, auch wenn das für die Nicht-mehr-Jungen, die gewohnt und wohl oft auch gezwungen sind, in ihrem Alltag den etablierten Standards zu folgen, mühsam werden kann? Wenn wir über Politikverdrossenheit Jugendlicher reden, sollten wir auch darüber nachdenken.


Mehr zum Thema in: „Wie neu ist die Jugend?“

 

Mehr über die Autorin:

  • Dr. Beate Großegger ist Mitbegründerin und stv. Vorsitzende des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien und leitet seit 2001 die Forschungsabteilung und seit 2016 zudem das generationlab des Instituts. Sie ist seit 1996 in der angewandten Sozialforschung und seit 2002 darüber hinaus als Lektorin in der akademischen Lehre tätig.

generationlab:

  • Das im Sommer 2016 vom Institut für Jugendkulturforschung ins Leben gerufene generationlab verknüpft Jugendforschung mit Fragen der Inter-Generationenanalyse und rückt neben Werten und Lifestyles Fragen zu einer generationengerechten Politik sowie Zukunftsszenarien für das Miteinander der Generationen in den Mittelpunkt.
  • Wir bieten Forschung, Fortbildung und Beratung auf Basis fundierter Inter-Generationenanalyse. Für weitere Informationen zu Fortbildungs- und Vertiefungsangeboten unseres generationlab sowie Einfragemöglichkeiten in die in Planung befindlichen Studien steht Ihnen Dr. Beate Großegger gerne zur Verfügung: bgrossegger@jugendkultur.at